Kanton Neuenburg: Uhrenindustrie als Nährboden für den Hightech-Standort
Der Kanton Neuenburg hat sich mit der Uhrenindustrie in einer wirtschaftlichen Nische etabliert. Diese Spezialisierung birgt sowohl Chancen als auch Risiken. Dem grossen Erfolg der Branche mit Beschäftigungsgewinnen und hohen Absatzsteigerungen im wirtschaftlichen Boom folgte ein rapider Rückgang in der Krise. Eine stärkere Branchendifferenzierung könnte die kantonale Wirtschaft auf eine breitere Basis stellen. Hierfür wäre die Verbesserung der Standortbedingungen notwendig - beispielsweise bei der Steuerbelastung. Die Voraussetzungen scheinen gegeben: bereits in der Vergangenheit wurde im Kanton Neuenburg auf Krisen erfolgreich mit Anpassung und Innovation reagiert.
Zwischen Jura und Neuenburgersee, an der Grenze zu Frankreich und in greifbarer Nähe zum Genferseeraum sowie der Bundeshauptstadt Bern befindet sich der Kanton Neuenburg buchstäblich in einer speziellen Lage. In der Schweiz gehört der Kanton nicht zu den zentralsten Regionen, woraus sich spezifische Herausforderungen ergeben. Der Kanton entwickelt sich weniger dynamisch als die Schweiz; Unternehmens-, Beschäftigungs- und Bevölkerungsentwicklung bleiben unterdurchschnittlich. In seiner geographischen Nische hat sich der Kanton mit der Uhrenindustrie - als einer der wertschöpfungsstärksten Industriebereiche der Schweiz - aber eine wirtschaftliche Nische erarbeitet. Über ein Viertel der Uhrenindustrie, für welche die Schweiz international bekannt ist, ist gemessen an Beschäftigten in Neuenburg zu Hause.
Erfolgreiche Spezialisierung wird in der Krise zum Risiko
Die Spezialisierung stärkt die kantonale Wirtschaft, birgt jedoch auch Risiken. Dem enormen Boom der Uhrenindustrie folgte in der Krise ein Hoch der Arbeitslosigkeit. Mit dem Auftauchen aus dem Konjunkturtief gewinnen die Exporte zwar schnell wieder an Fahrt, doch der Arbeitsmarkt reagiert verzögert. Die enge Koppelung an die Entwicklung der (Welt-)Wirtschaft stellt Neuenburg aufgrund der Branchenkonzentration vor grössere Herausforderungen als andere Kantone. Anpassungsfähigkeit und Innovationsgeist sind hier gefragt. Dass die Neuenburger Industrie dies zur Erneuerung nutzen kann, hat sie in früheren Krisen gezeigt, etwa als sich aus der Uhrenindustrie ein Cluster für Mikrotechnik entwickelte.
Standortwettbewerb erfordert Verbesserung der Rahmenbedingungen
Der Industriecluster von Uhren und Präzisionsinstrumenten bringt Synergieeffekte wie zum Beispiel einen spezialisierten Arbeits- und Ausbildungsmarkt, Geschäftspartner und Möglichkeiten zum Know-how-Austausch. Um diese als Basis künftiger Wirtschaftsentwicklung zu pflegen, sind günstige Rahmenbedingungen nötig, denn sie stärken die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Auch für eine Neuausrichtung der Wirtschaft sind eine hohe Erreichbarkeit, ein günstiges Steuerniveau und die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte ausschlaggebend. Die Steuerbelastung trägt aber bislang nicht zur Standortattraktivität des Kantons Neuenburg bei. Natürliche Personen belastet Neuenburg im Vergleich der Schweizer Kantone am stärksten und auch bei der Unternehmensbesteuerung liegt Neuenburg auf dem vierten Platz der am stärksten belasteten Kantone. Andere Standortfaktoren unterscheiden sich innerhalb des Kantons relativ stark. Ist die verkehrstechnische Erreichbarkeit in der Region Neuchâtel noch relativ günstig, fällt sie mit zunehmender Entfernung von der Achse Lausanne-Solothurn-Bern immer mehr ab. Beim Ausbildungsstand der Bevölkerung ist die Ausrichtung auf die Uhrenindustrie bestimmend und die Region kann hochqualifizierte Fachkräfte ausweisen. Ändert sich die wirtschaftliche Ausrichtung, wird sich zeigen, inwieweit der Kanton Neuenburg auch als Arbeits- und Lebensraum für höher Qualifizierte anderer Branchen attraktiv ist.
Regionale Unterschiede erzeugen Gefälle der Bevölkerungsentwicklung
Insgesamt wächst die Neuenburger Bevölkerung zwar stetig - etwa ähnlich schnell wie diejenige des Kantons Bern -, bleibt aber in den letzten zehn Jahren hinter dem Landesdurchschnitt zurück. Regional zeigen sich dabei recht grosse Unterschiede. Während die Region Neuchâtel fast Schweizer Durchschnittswerte erreicht, stagniert die Bevölkerungsentwicklung in La Chaux-de-Fonds und das Val-de-Travers verliert sogar an Bevölkerung. Innerhalb des Kantons kommt es zu einer Umverteilung aus dem Hinterland in die zentraler gelegene Seeregion Neuchâtel. Der wichtigste Impuls für das Wachstum der Bevölkerung ist die Zuwanderung aus dem Ausland. Für Zuwanderer bis 40 Jahre entfaltet Neuenburg Anziehungskraft als Wohn- (und Arbeitsort) über die Grenzen der Schweiz hinaus; 600-800 Einheimische pro Jahr zieht es dagegen in andere Kantone der Schweiz - zur Ausbildung, zum Einstieg in den Arbeitsmarkt oder zur Verbesserung der Erwerbssituation im fortgeschrittenen Berufsleben.
Uhrenindustrie: Gute Zeiten - schlechte Zeiten
Neuenburg ist der am drittstärksten industrialisierte Kanton der Schweiz und war in den letzten Jahren einem einschneidenden Strukturwandel unterworfen. Dem Beschäftigungswachstum der Spitzenindustrie - vor allem der Uhrenbranche - stehen Verluste in traditioneller Industrie (etwa in der Nahrungsmittel- oder in der Bekleidungsindustrie), Baugewerbe sowie Handel und Verkauf gegenüber. Bis 2008 hat Neuenburg leicht unter dem Landesmittel an Beschäftigung gewonnen. Die Region Neuchâtel blieb deutlich dahinter zurück; La Chaux-de-Fonds und Val-de-Travers haben dagegen überdurchschnittlich ausgebaut. Durch die Krise brach der Arbeitsmarkt rapide ein. Gerade durch ihre internationale Ausrichtung hat die kantonale Wirtschaft sensibel auf die globalen Verwerfungen reagiert. Uhren-, Metall- und Maschinenindustrie, in denen sich über einen Viertel der Beschäftigten konzentriert, erzielen einen Grossteil ihres Umsatzes im Ausland und waren entsprechend stark betroffen.
Selbst beim Wohnen gibt die Uhrenindustrie den Takt vor
Wie so vieles ist auch der Neuenburger Immobilienmarkt durch die Lage des Kantons und die Uhrenindustrie bestimmt. Die Gebirgskette des Juras schneidet Kanton und Immobilienmarkt in zwei Hälften. Im Neuenburger Jura ist der Markt stark vom Konjunkturverlauf der Uhrenindustrie geprägt. Der Krise in den 1970er und 1980er Jahren folgten Wohnungsleerstände; die Folge ist ein relativ alter Gebäudepark in den Regionen La Chaux-de-Fonds und Val-de-Travers. Auch die Einfamilienhauspreise der Region La Chaux-de-Fonds haben sich in den letzten Jahren fast im Gleichschritt mit der Uhrenindustrie entwickelt. Am Neuenburgersee ist der attraktive Immobilienbestand jünger und die Nachfrage nach Wohnfläche stabiler. Die Einwanderung hat hier Nachfrage und Preise steigen lassen. Insgesamt erweist sich für das Wohnen im Kanton Neuenburg die hohe Besteuerung von natürlichen und juristischen Personen weiterhin als Nachteil - ein möglicher Ansatzpunkt, um den Kanton als Wohn- und Arbeitsort besser zu positionieren. Dies wird nötig sein, um eine diversifizierte Wirtschaftsbasis mit höherer Branchenvielfalt zu erreichen.
Quelle: Pressemeldung Credit Suisse
Dieser Beitrag wurde bisher 208 mal gelesen.
(Rang 217 auf startup-report.de)
Weitere News
Geschenke an Geschäftspartner
13.03.2012 | Viele Unternehmer möchten Ihren Geschäftspartnern wie Lieferanten, Kunden oder freien Mitarbeitern...
weiter in Geschenke an Geschäftspartner ...Es geht aufwärts - mit Steuern und Abgaben
26.10.2011 | Regionale Wirtschaft sorgt sich um Pläne zur Einnahmeverbesserung der öffentlichen Hand. IHK-Steuerausschuss...
weiter in Es geht aufwärts - mit Steuern und ...Selbständig machen mit einem Online Shop
396 mal gelesen. Rang 22 auf startup-report.de.
24.08.2011 | Gerade jetzt, wo das Internet boomt, kommen immer wieder Leute auf die Idee, einen Online Shop zu eröffnen....
weiter in Selbständig machen mit einem Online ...IHK: Stimmung in der Wirtschaft hellt sich weiter auf
503 mal gelesen. Rang 7 auf startup-report.de.
15.01.2010 | Zum Jahreswechsel hat sich die Stimmung in der rheinhessischen Wirtschaft weiter aufgehellt. Das belegt die...
weiter in IHK: Stimmung in der Wirtschaft ..."Industriepionier unter drei Kaisern": Schiffbaudirektor Rudolph Haack
485 mal gelesen. Rang 10 auf startup-report.de.
13.10.2010 | Lichtbildervortrag über den Schiffbaudirektor Rudolph Haack im LWL-Industriemuseum Schiffshebewerk...
weiter in "Industriepionier unter drei ...Aktuelles
Zwei weitere Urteile gegen den AWD
Das Landgericht Hannover hat in zwei weiteren Urteilen...
weiter ...Neuigkeiten
BITKOM fordert bessere Bedingungen für Firmengründer
Hightech-Verband unterstützt "Gründerwoche Deutschland"...
weiter ...Gründer- Boom ungebremst in Rheinhessen
Zahl der Interessenten an einem Startup steigt weiter...
weiter ...Weitere Themen
Es geht aufwärts - mit Steuern und Abgaben
Regionale Wirtschaft sorgt sich um Pläne zur...
weiter ...Archiv
Telekom baut Browsergames- Angebot aus: Kooperation mit Start- up Players Rock Entertainment
Optimierung und Markteinführung neuer Browsergames im Fokus...
weiter ...Markenanmeldung vor der Unternehmensgründung
Für viele Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer sind die...
weiter ...Verschiedenes
ARAG Aktiv- Rechtsschutz Basis für Privat- und Gewerbekunden
Schlüssige Angebots-Ergänzung
weiter ...Kultursaison an der niedersächsischen Nordsee eröffnet
Schortens, 23. September 2011. Wenn die Stürme das Laub über...
weiter ...
