Crowdfunding: So funktioniert es in Deutschland

Crowdfunding: So funktioniert es in Deutschland

Crowdfunding – die sogenannte Schwarmfinanzierung – genießt mittlerweile in Deutschland unter Start-ups schon fast den Ruf eines Wundermittels. Denn blitzt ein Unternehmen bei den Banken mit seiner Geschäftsidee ab, weil das Kreditrisiko zu hoch ist, bittet man eben gleich seine Zielgruppe um die Finanzierung der benötigten Entwicklungskosten. Aber ebenso werben auch immer mehr professionelle Unternehmen auf Crowdfunding Plattformen wie Kickstarter, Indiegogo und Startnext um finanzielle Unterstützung. Wir erklären in unserem Ratgeber, was Crowdfunding ist, zeigen die drei besten Crowdfunding Projekte und die drei Flops. Außerdem erläutern wir, wie Crowdfunding Fehler vermieden werden können und geben Tipps für ein erfolgreiches Crowdfunding.

Was bedeutet Crowdfunding?

Oder genauer: was bedeutet es heute?

Nicht erst seitdem das Unternehmen Double Fines Adventure Broken Age so erfolgreich mit seinem Crowdfunding Projekt gestartet ist – statt der anvisierten 400.000 US-Dollar wurden 3,34 Millionen US-Dollar eingesammelt – ist Crowdfunding in aller Munde und hat auch der Letzte begriffen, dass Crowdfunding ein gutes Mittel zum Fundraising ist und eine echte Alternative oder zumindest Ergänzung zur traditionellen Banken-Finanzierung oder zum Venture Capital.

Die größte Plattform für Crowdfunding – Kickstarter – ist inzwischen seit nunmehr sechs Jahren auf dem Markt. Derzeit eifern mehr als 150.000 Geschäftsideen um die Aufmerksamkeit der Investoren – und nicht alle sind erfolgreich. Mehr als 50 Prozent der Projekte scheitern schon daran, dass das gesteckte Finanzierungsziel nicht erreicht wird. Doch wie funktioniert Crowdfunding überhaupt?

Junge Unternehmen bieten auf Kickstarter, Startnext oder Indiegogo ihre Produkte an, noch bevor sie in Herstellung gehen. Reicht das gesammelte Geld nicht und das Finanzierungsziel ist nicht erreicht, gilt das Projekt als gescheitert. Kommt der Stein aber erst einmal ins Rollen, kann es hier zu großen Überraschungen und Millionenerfolge kommen. Oftmals entscheidet hier die Faszination der Geschäftsidee über Erfolg oder Misserfolg. Die Produkte müssen einzigartig und neu sein und die Investoren überzeugen. Dazu gehört zum Beispiel eine Panoramakamera in Form eines Balls oder kabellose Kopfhörer, die über einen eingebauten Fitnesstracker verfügen. Solche Produkte kaufen Menschen auch bereits vor der Fertigstellung, da sie Zukunft haben. Ganz und gar nicht gescheitert sind unsere drei nachfolgenden erfolgreichsten deutschen Crowdfunding Projekte – wir zeigen die besten Ideen aus Deutschland.

Infografik: Zyklus Crowdfunding

Infografik: Zyklus Crowdfunding

Video: Crowdfunding erst ermöglicht auch das Verwirklichen von sehr individuellen Plänen und Zielen

Nehmen wir zum Beispiel Coco-Laetitia de Bruycker. In dem nachfolgenen YouTube-Clip erklärt sie ihr ungewöhnliches Vorhaben und wie sie es bereits zum großen Teil eben über Crowd-Funding erreicht hat. Oder andersherum: ohne Crowd-Funding könnte Coco-Latitia ihren Traum wohl nie verwirklichen, und das wäre sehr schade…

Hätten Sie jemals gedacht, dass so etwas möglich wäre?

Crowdfunding: Die drei erfolgreichsten deutschen Projekte

Auffällig ist: Unter den erfolgreichsten Projekten befinden sich überwiegend Hardware-Produkte. Weniger erfolgversprechend scheinen Filme und Computerspiele zu sein. Anscheinend ist die Crowdgemeinde eher bereit, in handfeste Dinge zu investieren und hierfür Geld auszugeben. Auch dann, wenn noch ein Jahr darauf gewartet werden muss. Denn das ist die durchschnittliche Zeit, die ein Unternehmen benötigt, um die bestellten Produkte zu liefern.

Top 1: Smarte Kopfhörer „The Dash“

Die Kopfhörer „The Dash“ waren eines der erfolgreichsten Projekte auf der Kickstarter Plattform. Das Start-up Bragi feierte mit seiner Idee Erfolge. Das aus 15 Personen bestehende Unternehmen aus München sammelte umgerechnet rund 2,5 Millionen Euro ein. „The Dash“ ist ein kabelloser Kopfhörer, der Musik abspielt, Anrufe annimmt und Fitnessdaten sammelt. Das kam weltweit in Verbindung mit dem extravaganten Design bei Fitnessfans an.

Top 2: Panoramakamera „Panono“

Panono“ war auf der Crowdfunding Plattform Indiegogo ein deutscher Rekord: Rund 920.000 Euro sammelte Jonas Pfeil mit seinem Kameraball ein. Dieser nimmt automatisch ein Panoramafoto auf, wenn er hochgeworfen wird. Hierfür sind in dem Ball insgesamt 36 Kameras verbaut. Zum Verkaufsstart gab es erst einmal die Premium Version für weit über 1.000 Euro, im Oktober 2014 folgte dann das Standard Modell für 549 Euro.

Top 3: Kaffee-Revolution „Bonaverde“

Bonaverde“ wollte den Kaffee-Markt revolutionieren und brachte eine neuartige Kaffeemaschine auf dem Markt, denn diese kocht nicht nur Kaffee, sondern röstet die grünen Bohnen und mahlt sie zuvor. Für diese Idee sammelte das Start-up auf der Plattform Kickstarter etwa eine halbe Million Euro. Kunden können die Bohnen nach Kauf der Kaffeemaschine später direkt über die Webseite von „Bonaverde“ direkt beim Kaffee-Bauern bestellen: Frischer geht es kaum!

Die drei Flops im Crowdinvesting

Verfehlt ein Unternehmen den im Crowdinvest anvisierten Betrag um nur einen Cent, so gilt es als gescheitert. In solch einem Fall wird der Betrag von dem Konto des Unterstützers nicht abgebucht und dem Projektverantwortlichen ausgezahlt. Die Ursachen für einen Misserfolg sind vielfältig: Unbekannte Macher, zu hoch angesetzte Budgets, kein klares Konzept, kleine Nischenzielgruppe oder auch eine unattraktive Belohnung. Alles das trägt dazu bei, dass das Crowdfunding Vorhaben baden geht.

Ein weiterer Punkt, der oft vernachlässigt wird, ist die Tatsache, dass in den vergangenen Monaten das Angebot nahezu explodiert ist. Inzwischen buhlen hunderte Start-ups um die Gunst der Unterstützer. Oft muss der Hobbyinvestor dann auch noch feststellen, dass nicht alle Versprechen eingehalten werden. Denn eine Garantie, dass er das bezahlte Produkt auch tatsächlich irgendwann einmal in den Händen hält, gibt es nicht. Die drei interessantesten internationalen Crowdfunding Flops:

Flop 1: Dangerous Scenarios Calendar „Puppies & Kittens“

Der „Dangerous Scenarios Calendar“ von Tommy Wheeler ist ein Katzen und Hunde Kalender, der diese Lebewesen in lebensbedrohlichen Situationen zeigt. Der Erfinder bezeichnete sich selbst als Tierfreund und behauptete, dass bei diesem Projekt kein Tier zu Schaden komme. Dennoch erhielt er lediglich 557 US-Dollar. Anscheinend gibt es doch mehr Tierfreunde und ein Tier in einer Mikrowelle ist nicht nach jedermanns Geschmack.

Flop 2: „Raise Your Pint Glass And Rejoice Craft Beer App“

Diese iOS und Android App sollte Craft Beer Fans mit vielen Hintergrundinformationen zu Bieren und Brauereien innerhalb der USA versorgen. Obwohl bei Kickstarter einige Spenden für dieses Projekt eingingen, reichte es nicht für die erforderlichen 48.900 Dollar. Vermutlich ist die Anzahl der Craft Beer Trinker in den Staaten doch nicht so groß, die auch wissen möchten, was sie da trinken und woher es kommt.

Flop 3: Maschine für Zucht von Hydrokulturpflanzen

Der Koch William Mehess erfand eine Maschine zur Züchtung von Hydrokulturpflanzen und stellte sie auf Kickstarter vor. Es hätten lediglich 3.000 US-Dollar gereicht, um diese fenstergroße Maschine in Serie zu produzieren. Doch leider kamen gerade einmal 14 Unterstützer zusammen, die insgesamt 870 Dollar in das Crowdinvest steckten. Somit wird Mehess vermutlich der einzige Fensterbrettzüchter bleiben.

Warum Crowdfunding scheitern kann

Schon so mancher Unternehmer musste feststellen, dass Crowdfunding keine Erfolge garantiert. Schließlich findet auf der Plattform Kickstarter nur jedes zweite Projekt genügend Unterstützer – alle anderen erreichen das selbstgesteckte Investitionsziel nicht. Das hat unterschiedliche Gründe:

  • Noch nie selbst Unterstützer gewesen und daher ist der genaue Ablauf einer Kampagne unbekannt
  • Eigene Schwachstellen werden nicht erkannt und es wird nicht auf konstruktives Feedback der Unterstützer eingegangen.
  • Unrealistische Fundingsumme – je größer sie ist, desto mehr Unterstützer müssen gewonnen werden. Die Faustregel sagt: Jeder Besucher der Kampagnenseite bringt durchschnittlich 1 Euro der Summe.
  • Zu lange Laufzeit gewählt: Eine zu lange Laufzeit macht Kampagnen zu langweilig. Nur selten sind Projekte mit Laufzeiten von über drei Monaten erfolgreich.
  • Direkte Ansprache fehlt – wer von anonymen und fremden Personen Geld erwartet, muss sich Vertrauen aufbauen.
  • Eine zu geringe Kommunikation auf den Plattformen kann ebenfalls das Aus bedeuten. Denn von alleine passiert hier gar nichts. Stattdessen ist Storytelling und Kommunikation erforderlich, um die Kampagne weiter zu verbreiten.
  • Dankeschön überzeugt nicht. Beim Thema Crowdinvest geht es nicht nur alleine um eine Sammelaktion, sondern auch immer um Geben und Nehmen. Ein Dankeschön ist die Gegenleistung des Initiators der Kampagne. Dabei ist ein exklusive Dankeschön zu einem marktfähigen Preis besser als dutzende Dankeschöns.
  • Nicht auf Ratschläge gehört: Die Plattformen beschäftigen Coaches, welche wertvolle Feedbacks und Hilfe geben – diesen sollten auch zugehört werden. Denn wohl niemand verfügt über mehr Erfahrung als das Team der Crowdfunding-Plattform.

Top-Tabelle: die beliebtesten Crowd-Funding-Plattformen

Wir haben die bekannteren Plattformen auf ihre Popularität untersucht. Dazu haben wir die con Alexa.com bereitgestellten Rankings herangezogen. Der Alexa-Rang gibt an, welchen Platz die jeweilige Webseite bezüglich ihres Traffics innerhalb aller Webseite dieser Welt einnimmt. Bester Wert ist „1“, das Ende liegt bei „18.000.000“. Die nachfolgende Tabelle gibt also die Popularität der Webseiten wieder.

Plattform Alexa-Rang
kickstarter.com 382
gofundme.com 983
indiegogo.com 1176
teespring.com 2335
patreon.com 2912
youcaring.com 11873
kiva.org 14248
crowdrise.com 18584
donorschoose.org 22414
causes.com 27951
giveforward.com 39688
   

Tabelle: Popularität der bekannten Crowd Funding Plattformen.

11 Tipps für ein erfolgreiches Crowdfunding Projekt

Tipp: Fan-Gemeinde aufbauen

Eine Kampagne benötigt ein großes Publikum. Eine Statistik sagt, dass jeder Besucher der Webseite einen Euro im Projekt lässt. Werden 80.000 Euro benötigt, so müssen also 80.000 Menschen die Seite besuchen. Traffic erzielt man am besten über die sozialen Netzwerke wie Facebook & Co.

2. Tipp: Erfahrene Coaches gewinnen

Fast alle Plattformen beschäftigen Mitarbeiter, die den Crowdfunding Initiatoren unterstützend zur Seite stehen. Diese Berater verfügen über sehr viel Erfahrung, die auch genutzt werden sollte.

3. Tipp: Zeit Management

Wer eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne ins Leben rufen möchte, sollte sich zunächst etwas mit dieser Finanzierungsform beschäftigen. Dazu gehört auch, einmal eine Kampagne selbst zu unterstützen. Außerdem sollte der Crowdfunder über genügend Zeit verfügen und den Aufwand hierfür nicht unterschätzten. Denn es gilt Telefonate zu führen, die sozialen Medien zu füttern und E-Mails an potenzielle Unterstützer zu verfassen.

4. Tipp: Budget planen

Nicht selten ist es so, dass sich Projektinhaber verkalkulieren und mit dem geplanten Budget nicht zurechtkommen. Dann heißt unser Rat: Lieber ein Ende ohne Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

5. Tipp: Projektseite richtig gestalten

Auf der Projektseite sind die Projektbeschreibung, die Dankeschöns und das Pitch-Video das Herzstück jeder Kampagne. Daher muss dieser Seite sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet werden. Das Video muss ansprechend gestaltet sein und die Zielgruppe ansprechen. Außerdem muss die Wertigkeit des Produkts hervorgehoben werden.

6. Tipp: Strategie zur Kommunikation entwickeln

Wer die Kommunikation schon vor seiner Crowdfunding Kampagne plant, spart sich später jede Menge Stress. Es ist gut möglich, bereits im Vorfeld Multiplikatoren zu suchen – das sind Branchen Experten oder Journalisten. Außerdem können Blogs mit Content gefüllt, Gastbeiträge geschrieben, Pressemeldungen erstellt oder E-Mails versandt werden.

7. Tipp: Storytelling

Inzwischen weiß jeder, wie wichtig Content heute ist. Das zeigt sich insbesondere beim Crowdfunding. Storytelling entscheidet über Erfolg und Misserfolg eines Projekts. Wie diese Geschichten erzählt werden, hängt vom Projekt ab. Der Trend geht derzeit zu visuell durchdachten und emotionsgeladenen Kampagnen.

8. Tipp: Kampagne testen

Noch bevor es in die Finanzierungsphase geht, sollte das Crowdfunding Projekt im eigenen Freundes- und Kollegenkreis getestet werden. So lassen sich missverständliche Formulierungen, Unzulänglichkeiten in der Beschreibung des Crowdfundingprojekts oder auch fehlende Informationen noch rechtzeitig erkennen und entsprechend anpassen. Hierfür bieten die meisten Plattformen eine Vorschau-Funktion an.

9. Tipp: Die ersten Stunden entscheiden!

Besonders die ersten Stunden sind oft für einen Erfolg oder Misserfolg entscheidend. Viele Kampagnen fokussieren sich daher auf den ersten Tag und legen hierauf den Schwerpunkt. Hier helfen ein paar Influencer, die gezielt Maßnahmen unternehmen, um die Kampagne in die richtigen Kanäle zu leiten.

10. Tipp: Erweiterte Zielbeträge und Zusatzprämien

Erweiterte Zielbeträge, die sogenannten Stretch Goals, dienen der Motivation der Unterstützer ebenso, wie kreative und exklusive Prämien als Dankeschön. Diese können in Form von Meilensteinen gesetzt werden.

11. Tipp: Über weiteren Verlauf informieren

Unterstützer möchten gerne über den weiteren Verlauf des Projekts informiert werden und auch zeitnah die ihnen versprochenen Prämien erhalten. Hierfür bieten fast alle Plattformen Unterstützungslisten an. Außerdem gibt es Dienstleister, die sich auf den Versand und die Produktion von Crowdfunding Prämien spezialisiert haben.


Bildnachweis: © freeimages.com – Teun van Thiel

Über 

Hans-Jürgen Schwarzer leitet die Content-Marketing-Agentur schwarzer.de. Als Marketer, Unternehmer und Verleger in Personalunion wie auch als leidenschaftlicher Blogger gehört er zu den Hauptautoren von startup-report.de und industry-press.com. Innerhalb seiner breiten Palette an Themen liegen dem Mainzer Lokalpatriot dabei „ausgefallene“ Ideen und technische Novitäten besonders am Herzen.

    Find more about me on:
  • googleplus

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.