Selbstständig ohne Meisterbrief: Im Handwerk möglich?

Selbstständig ohne Meisterbrief: Im Handwerk möglich?

Selbständig ohne Meisterbrief? In manchen der rund 150 Gewerbe, die zu den Handwerksberufen zählen, durchaus möglich. Die Handwerksordnung regelt, wer einen Meisterbrief benötigt, um sich selbstständig machen zu können. Wir klären auf, für welche Tätigkeiten eine Meisterpflicht besteht – und was alles zum zulassungsfreien Handwerk zählt.

Selbstständig ohne Meisterbrief: Allgemeines zum Handwerksmeister

Wer in einem bestimmten Beruf seinen Meister in der Tasche hat, dem werden dadurch umfassende fachtechnische und kaufmännisch-betriebswirtschaftliche Kenntnisse bescheinigt. Das Dokument erbringt den Nachweis darüber, die Meisterprüfung in seinem Handwerk erfolgreich bestanden zu haben.

Der Meisterbrief gestattet es seinem „Inhaber“

  • sich selbstständig zu machen.
  • ein eigenes Unternehmen zu führen
  • auszubilden

Selbstständig ohne Meisterbrief, geht das überhaupt? Diese Frage stellen sich viele der in einem handwerklichen oder künstlerischen Beruf Tätigen. Ganz generell sind in der Handwerksordnung jegliche Zulassungsvoraussetzungen für die Meisterprüfung festgeschrieben – und auch, wer sich überhaupt selbstständig machen kann, selbst ohne Meisterbrief. Im Januar 2004 erfuhr die Handwerksordnung eine entscheidende Änderung: die zwingende Voraussetzung, einen Meisterbrief für die Selbstständigkeit zu besitzen, wurde für zulassungsfreie Berufe abgeschafft.

Zuvor zulassungsbeschränkte Handwerke, wurden dadurch zulassungsfrei. Selbstständig ohne Meisterbrief zu arbeiten und sein eigenes Unternehmen zu führen, ist seitdem in jenen Berufen einfacher denn je. Doch was genau darf ich – wenn ich selbstständig sein möchte aber ohne Meisterbrief bin – alles machen? Oder, anders gefragt: welche Handwerksberufe zählen eigentlich zu den zulassungsfreien?

 

Die erste Frage, die sich ein Gründer in einem Handwerksberuf stellen sollte, ist: besitze ich die erforderliche, vorausgesetzte Qualifikation. (#01)

Die erste Frage, die sich ein Gründer in einem Handwerksberuf stellen sollte, ist: besitze ich die erforderliche, vorausgesetzte Qualifikation. (#01)

Selbstständig ohne Meisterbrief – zulassungsfreie Gewerbe

Die erste Frage, die sich ein Gründer in einem Handwerksberuf stellen sollte, ist: besitze ich die erforderliche, vorausgesetzte Qualifikation. Und zwar in fachlicher, aber auch in persönlicher Hinsicht, denn: die Nachwuchsförderung ist ein wichtiger Bestandteil selbstständiger Handwerkertätigkeit. Nur wer in Mitarbeiterführung sowie in der Nachwuchsausbildung geschult ist und zudem die nötige persönliche Erfahrung und Reife mitbringt, darf als Ausbilder tätig werden.

Dies legt die Handwerkskammer auch so fest.

Einige der 147 „Handwerksgewerbe“ in Deutschland setzen keine Meisterpflicht voraus, um auszubilden und damit Inhaber eines eigenen Handwerkbetriebs zu sein. Hier darf man sich selbstständig machen, auch ohne Meisterbrief. Doch was darf ich ohne diesen überhaupt machen?
Welche Handwerke überhaupt das erfolgreiche Absolvieren der Handwerksprüfung voraussetzen, ist eine wichtige Frage, die es vor der Gründung zu klären gilt. Muss ich z.B. als Fliesenleger die Meisterprüfung ablegen? Braucht sie der Maler, um ein eigenes Unternehmen zu führen? Was ist mit dem Uhrmacher? Wir bringen Licht ins Dunkel.

Selbstständig machen – ohne Meisterbrief ist dies in den

  • zulassungsfreien Handwerken sowie den
  • handwerksähnlichen Gewerben (z.B. Kosmetiker, Bodenleger, Kanalreiniger) möglich
    Welche Handwerke genau darunter fallen, kann man in den Anlagen B1 und B2 der Handwerksordnung nachlesen. Zu den zulassungsfreien Tätigkeiten/Berufen ohne Meisterpflicht zählen u.a.
  • Gold- und Silberschmiede
  • Fliesen- und Plattenleger
  • Fotografen, Buchbinder sowie Drucker
  • Damen-/Herrenschneider
  • Instrumentenbauer
  • Raumausstatter
    Diese Auflistung zeigt vor allem eines deutlich: meist sind alle jene Handwerke zulassungsfrei, die eine gewisse künstlerische und/oder gestalterische Note aufweisen und (zumindest entfernt) den Bereich der „Künste“ streifen, also z.B. die Musik (z.B. Instrumentenbauer) oder Architektur/Gestaltung (z.B. Raumausstatter). Und: Tätigkeiten, von denen nicht unmittelbar Gefahren bei falscher Anwendung ausgehen. Selbstständig ohne Meisterbrief in seinem eigenen Betrieb zu arbeiten: in oben genannten Berufen ist es möglich.
Selbständig ohne Meisterbrief, und das in zulassungsbeschränkten Berufen –für viele längst kein Wunschtraum mehr. (#02)

Selbständig ohne Meisterbrief, und das in zulassungsbeschränkten Berufen –für viele längst kein Wunschtraum mehr. (#02)

Selbständig ohne Meisterbrief – in diesen Berufen unmöglich

Für den Großteil der Handwerksgewerbe besteht in Deutschland aber immer noch die Meisterpflicht. Selbstständig arbeiten, ohne Meisterbrief, ist in diesen Handwerkssparten nicht möglich. Hier gilt demnach: Selbstständig machen kann sich nur derjenige, der zuvor die Meisterprüfung erfolgreich absolviert hat. Ein Blick auf einige dieser Berufe macht klar: wer die Tätigkeiten nicht sach- und fachgerecht ausführt, gefährdet womöglich Menschenleben. Diese Personen sollten tatsächlich ihr „Handwerk verstehen“. Diese Redewendung kommt nicht von ungefähr.

Handwerksberufe mit Meisterpflicht sind z.B.

  • Maurer, Dachdecker und Zimmerer
  • Steinmetz
  • Maler und Lackierer
  • Bäcker/Konditor
  • KFZ-Mechaniker
  • Augenoptiker und Hörgeräteakustiker
    Laut Handwerksordnung wird für jene „gefahrgeneigten und ausbildungsintensiven Tätigkeiten“ also die Meisterpflicht unbedingt vorausgesetzt. In diesen Bereichen selbstständig ohne Meisterbrief zu arbeiten, ist nicht möglich.
    Nach erfolgreicher Gründung, müssen sich die Inhaber von Betrieben zulassungspflichtiger Handwerke, in die Handwerksrolle eintragen. In dieses Verzeichnis tragen sie dann jenes Handwerk ein, das sie betreiben. Diese Handwerksrolle wird von der Handwerkskammer geführt.
    Nun gibt es in der Praxis aber natürlich viele Handwerker, die herausragende fachliche Kenntnisse haben und zudem beruflich weiterkommen wollen. Nur: sie sind keine Meister. Was darf ein Maler eigentlich ohne Meisterbrief? Und was ein Elektriker, der kein Meister ist?
Für den Großteil der Handwerksgewerbe besteht in Deutschland aber immer noch die Meisterpflicht. Selbstständig arbeiten, ohne Meisterbrief, ist in diesen Handwerkssparten nicht möglich. (#03)

Für den Großteil der Handwerksgewerbe besteht in Deutschland aber immer noch die Meisterpflicht. Selbstständig arbeiten, ohne Meisterbrief, ist in diesen Handwerkssparten nicht möglich. (#03)

 

Meisterpflicht umgehen? Selbstständig sein ohne Meisterbrief

Was also tun, wenn man sich beruflich weiterentwickeln möchte, aber in seinem Gewerbe nicht die nötigen Voraussetzungen erfüllt, etwa um seinen eigenen Betrieb zu eröffnen. Was darf ein Maler ohne Meisterbrief? Was ein KFZ-Techniker und was der Elektriker? Besteht für diese Handwerksberufe, ohne Meister, gar keine Chance auf Selbstständigkeit?

Um die Frage zunächst kurz und knapp zu beantworten: doch, die gibt es. Selbständig ohne Meisterbrief, und das in zulassungsbeschränkten Berufen –für viele längst kein Wunschtraum mehr. Denn drei Hintertürchen ergeben sich für all jene ohne Meister in der Tasche. Und damit auch für den KFZ-Techniker, den Maler, Elektriker oder auch Dachdecker.

Einen eigenen handwerklichen Betrieb kann man gründen wenn

  • man einen Meister als technischen Betriebsleiter einstellt. Das heißt: man selbst muss den Meisterbrief nicht haben, aber der Betriebsleiter. Dies genügt, um eine eigene Firma zu führen
  • langjähriger Geselle ist, meint: die Gründung eines eigenen Betriebs ist auch möglich, wenn man sechs Jahre in dem Handwerksberuf gearbeitet und mindestens vier Jahre davon eine leitende Stellung inne hat(te).

In diesem Falle ersetzt der Status als langjähriger Geselle – belegt z.B. durch ein Arbeitszeugnis – den Meisterbrief

  • man einen Handwerksbetrieb übernimmt. Eine Neugründung ist nicht immer erforderlich.

Manchmal tut es auch die Schenkung, die Pachtung oder der Kauf eines bereits bestehenden Unternehmens. Der große Vorteil: die Menschen kennen die Firma bereits und ein Kundenstamm muss in aller Regel nicht erst mühsam aufgebaut werden
Businessplan für Betriebsgründung entscheidend

Egal ob man Meister ist oder nicht über diese spezifische Zusatzqualifikation verfügt: es gilt einiges zu beachten, wenn man mit der Gründung einer eigenen Firma, liebäugelt.

Zu dieser spezifischen Gründungsvorbereitung fürs Handwerk zählen u.a.

  • die Beratung für das eigene Gewerbe im Vorfeld der Selbstständigkeit: was sind branchenspezifische Besonderheiten?
    wie kann man sich von der Konkurrenz abheben und welche Dienstleistungen sollte man anbieten? Diese und andere Fragen, klären u.a. auch die Handwerkskammern in speziellen, von ihnen angebotenen Seminaren
  • realistische Liquiditätsplanung: hier geht es um die wahrheitsgetreue Einschätzung der finanziellen Situation, wenn es zum Zahlungsverzug bei Kunden kommt. Treten dann umgehend finanzielle Engpässe bzw. die Zahlungsunfähigkeit, ein? Droht gar bereits die Insolvenz? An dieser Stelle gilt es, vorausschauend und realistisch zu planen. Dieser Aspekt muss unbedingt in jeden Businessplan aufgenommen werden
  • der Weg in den Online-Handel: auch Gründer, die „klassischen“ Handwerksberufen und Tätigkeiten mit langer Tradition nachgehen, sollten sich nicht der Digitalisierung verschließen. Viele Wege führen heutzutage über einschlägige Online-Portale oder Suchmaschinen zu neuen Kunden bzw. Aufträgen – auch im Handwerk

Denn gerade jungen, idealistischen und motivierten Gründern wurde so die Möglichkeit eingeräumt, sich den großen Traum von der Selbstständigkeit zu erfüllen. (#04)

Denn gerade jungen, idealistischen und motivierten Gründern wurde so die Möglichkeit eingeräumt, sich den großen Traum von der Selbstständigkeit zu erfüllen. (#04)

Selbstständig ohne Meisterbrief: Vor- und Nachteile

Selbstständig ohne Meisterbrief – durch die überarbeitete Handwerksordnung von 2004 wurde dies für immer mehr Menschen möglich. Und zwar für jene, die Tätigkeiten in den zulassungsfreien Berufen ausüben. Mehr noch: in den letzten Jahren konnte man einen regelrechten Boom an Gründungen in diesen Bereichen erkennen.

Denn gerade jungen, idealistischen und motivierten Gründern wurde so die Möglichkeit eingeräumt, sich den großen Traum von der Selbstständigkeit zu erfüllen. Und das, ohne Zusatzqualifikationen und finanzielle Aufwendungen. Dies ist der größte Vorteil der abgeänderten Handwerksordnung und der damit verbundenen Lockerung der Zugangsvoraussetzungen.

Die Nachteile: viele Kunden verbinden mit der Bezeichnung „Meisterbetrieb“ nach wie vor (und zu Recht) ein Gütesiegel und Qualitätsmerkmal. „Meisterbetrieb“ darf seine Firma wirklich nur derjenige nennen, der einen Meisterbrief besitzt. Und dieser steht wie nichts sonst für Fachkenntnis, langjährige Erfahrung und nicht zuletzt auch weitreichendes betriebswirtschaftliches bzw. kaufmännisches Wissen. Dieses ist unerlässlich, um ein eigenes Geschäft zu führen.

Banken gewähren einem Gründer nur selten einen Kredit, wenn dieser von kaufmännischen Inhalten nichts versteht. Dies gilt für jegliche Handwerke, egal ob man Maurer, Steinmetz oder KFZ-Mechaniker ist. Wer selbständig, ohne Meisterbrief, arbeiten möchte muss sich dies zuvor immer bewusst machen.

Generell gilt also: ein Gründer weist mit dem Meisterbrief fundiertes Wissen in seinem Handwerk sowie Kenntnisse in den Sparten „Rechnungswesen“, „Buchführung“ und „Recht“, nach. Wissen, das ihn von einem „einfachen“ Handwerker unterscheidet und das wichtig ist, um erfolgreich eine Firma aufzubauen.


Bildnachweis:©Fotolia-Titelbild: contrastwerkstatt-01: pressmaster-#02: highwaystarz -#03: Kzenon-#04: rh2010

Über 

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

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