Beate Uhse: Nicht Jesus, sondern Unternehmerin

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Beate Uhse, fast jeder Deutsche denkt bei dem Namen an Sexspielzeug und Erotikfilme. Was nahezu niemand weiß: Frau Uhse war nicht nur erfolgreiche Unternehmerin in der Erotik-Branche, sondern auch leidenschaftliche Pilotin und Verlegerin. Und ganz klar war sie Visionärin. Was zum einzigartigen Erotik-Konzern wachsen sollte, begann mit kostenlosen Aufklärungsbroschüren in der Nachkriegszeit. Damit leistete Beate Uhse einen wertvollen Beitrag zur sexuellen Aufklärung in Deutschland. Im Verlauf des Unternehmenswachstums eckte sie oft an – nicht nur mit dem Gesetz, sondern auch mit der Frauenbewegung. Ihr ging es nicht um die Emanzipation der Frau, sondern ums Business.

Beate Uhse: Frühe Aufklärung durch offenes Elternhaus

Beate Uhse wird als Beate Köstlin am 25. Oktober 1919 im damals ostpreußischen Landkreis Cranz geboren. Sie ist das jüngste von drei Kindern eines Landwirts und einer Ärztin – eine der ersten in Deutschland. In ihrem privilegierten Elternhaus erfährt sie eine frühe Aufklärung. Über Sexualität und die nötige Sexualhygiene wird offen gesprochen. Nach einem Schulwechsel von Cranz auf die reformpädagogische „Schule am Meer“ auf Juist und das Internat Odenwaldschule in Heppenheim arbeitet sie als Au-pair-Mädchen in Großbritannien. Im Anschluss folgt eine Ausbildung auf dem elterlichen Gut in Hauswirtschaft. Beate ist ein
sportliches Mädchen. Mit 15 Jahren wird sie hessische Meisterin im Speerwurf.

Beate mit ca. 13 Jahren als Schülerin der „Schule am Meer“ (Foto: Unknown author, Public domain, via Wikimedia Commons)

Beate mit ca. 13 Jahren als Schülerin der „Schule am Meer“ (Foto: Unknown author, Public domain, via Wikimedia Commons)

Erfolgreiche Karriere als Pilotin

Wenige Monate vor ihrem 18. Geburtstag nimmt Beate Uhse in der Fliegerschule Rangsdorf bei Berlin ihre erste Flugstunde. Nach ihrer Aussage inspirierte sie dazu die Atlantiküberquerung von Charles Lindbergh. 1937 erwirbt sie als einzige Frau unter 60 Flugschülern den Pilotenschein. Anschließend ist sie als Praktikantin im Flugzeugbau Bücker in Rangsdorf tätig und ergänzt um eine Kunstflugschulung. Getrieben von ihrer Leidenschaft nimmt sie an Kunstflug- und Luftrenn-Wettbewerben teil. Ihr Fluglehrer ist nun Hans-Jürgen Uhse, den sie 1939 heiratet. Mit ihm bekommt sie vier Jahre später Sohn Klaus.

Stuntpilotin für UFA-Filme

Die Firma Bücker übernimmt Beate als Pilotin. Sie fliegt Flugzeuge ein und ist ebenso für Überführungen zuständig, z.B. öfter nach Ungarn. Parallel fragt eine Filmfirma Piloten als Doubles an, und Frau Uhse passt perfekt für den Job. Nun ist sie auch Stuntpilotin und Schauspielerdouble. 1942 erfolgt ein Wechsel zum neuen Flugzeugreparaturwerk Friedrich in Strausberg.

Pilotin der Wehrmacht

Ab 1944 wird sie häufig zu Überführungsflügen bei der deutschen Luftwaffe herangezogen. Der Weg führt von Berlin an die Front. Dabei ist sie auch Angriffen mit Beschuss ausgesetzt. Dank ihres Könnens, entkommt sie immer. Ihr Ehemann nicht. Hans-Jürgen Uhse stirbt bei einem Flugzeugunfall im Kriegseinsatz. Beate ist eine von wenigen Pilotinnen der Wehrmacht und erhält zuletzt den Rang eines Hauptmanns.

Nachkriegszeit: Beate Uhse entdeckt Marktlücke

Beim Einmarsch der Roten Armee kann sie 1945 mit Sohn, Kindermädchen und weiteren vier Personen per Luftweg nach Flensburg flüchten. Dort wird sie letztendlich von britischen Truppen gefangen genommen. Sechs Wochen verbringt sie in Kriegsgefangenschaft bevor sie mit ihrem Sohn als Flüchtling in der Schulbücherei im nordfriesischen Braderup unterkommt.

Schwarzmarkt statt Fliegen

Der Krieg ist zu Ende und Beate alleinerziehende Witwe, ohne Job. Die Besatzungsmächte verbieten jede fliegerische Tätigkeit. Also schlägt sich die clevere Frau zunächst mit Schwarzmarktgeschäften durch. Sie ist z.B. als Handelsreisende und Landarbeiterin unterwegs. Die zahlreichen Kundenkontakte machten Beate auf die privaten Probleme der Frauen aufmerksam. Diese wollen ihrer Sexualität nachgehen, dabei aber auf keinen Fall schwanger werden. Zu groß die Zukunftsängste und der Mangel.

Pionierin der sexuellen Aufklärung

Zunächst erstellt Beate Uhse noch kostenlose Aufklärungsbroschüren. 1946 startet sie in Flensburg ihre erste kommerzielle Aufklärungskampagne. Quasi der Grundstein auf dem Weg zur Unternehmerin. Für 2 Reichsmark kann die „Schrift X“ von ihr erworben werden. Beate berät darin Frauen zu natürlicher Empfängnisverhütung nach der Knaus-Ogino-Methode. Der Leitfaden stößt bei den jungen Paaren der Nachkriegszeit auf große Nachfrage und verkauft sich bis 1947 etwa 32.000-mal. 1949 heiratet Beate den Kaufmann Ernst-Walter Rotermund und bringt Sohn Ulrich zur Welt.

Auch Galileo hat sich mit der smarten Frau beschäftigt. Hier können Sie sich einen kurzen Beitrag aus Sicht des Wissensmagazins von ProSieben ansehen:

Das Versandhaus Uhse wird geboren

Das Startkapital aus der Aufklärungsbroschüre ermöglicht es der jungen Frau ihren „Betu-Versand“ auf Bremen und Hamburg auszudehnen. Schnell macht sie sich einen Namen und wird als Ratgeberin zu Erotik und Sexualität gefragt. 1951 gründet sie das „Versandhaus Beate Uhse“ mit vier Angestellten. Es firmiert als Spezial-Versandhaus für Ehe- und Sexualliteratur und für hygienische Artikel.

Das Unternehmen floriert trotz Widrigkeiten

Der Versand von Kondomen führt zum ersten juristischen Verfahren wegen „Beihilfe zur Unzucht“. Gegen Beate Rotermund wird bis zu ihrem Tod in rund 2.000 Strafverfahren ermittelt, z.B. wegen der Verbreitung unzüchtiger Schriften und Abbildungen. Davon führen 700 Verfahren zu Gerichtsprozessen. 1952 erscheint der erste Katalog mit rund 50 Artikeln. Ein Jahr später zählt die kleine Firma bereits 14 Angestellte und übernimmt ein Labor für Arzneimittelkunde, um Präparate für den Vertrieb selber entwickeln zu können. Weitere Übernahmen folgen, darunter u.a. ein Modewäscheatelier und eine Filmgesellschaft. 1956 überschreitet das florierende Versandhaus erstmals die Umsatzgrenze von einer Million D-Mark.

Beate Uhse eröffnet weltweit ersten Sexshop

Im Jahr 1962 ist es soweit und Beate eröffnet in Flensburg den ersten Sexshop der Welt. Das Sortiment umfasst Bücher, Magazine, Dessous, pharmazeutische Präparate, Verhütungsmittel sowie Stimulationsartikel. Weitere 25 Geschäfte eröffnen bis 1971 in der BRD. Mit der Reform des Sexualstrafrechts im Jahr 1975 beginnt das Unternehmen mit Produktion und Verleih von pornografischen Filmen. Damit zieht die toughe Frau den Unmut der westdeutschen Frauenbewegung auf sich. Diese lehnt die Pornofilm-Industrie als frauenverachtend und sexistisch ab. Auf den Vorwurf, sie würde für Geld männliche Stereotype und Gewalt zementieren, erwidert sie nur, sie sei nicht Jesus, sondern Unternehmer. 1976 liegt der Jahresumsatz des Geschäfts bereits bei 60 Millionen D-Mark. Und er steigt weiter.

Wachstum ist ungebremst

1979 kauft Beate für vier Millionen D-Mark die Läden der Sex-Shop-Kette „Dr. Müller`s“ auf. Ihr Unternehmen umfasst nun 36 Läden und 13 Blue-Movie-Kinos. Der Jahresumsatz liegt bei 70 Millionen D-Mark. 1981 erfolgt die Gründung der Beate Uhse Aktiengesellschaft (AG) sowie auch die Teilung des Unternehmens. Gemeinsam mit Sohn Ulrich leitet Beate Rotermund nun die Läden sowie Kinos und Filmgeschäft weiter. Die Söhne Dieter und Klaus führen Versandhandel und Verlag fort. Dies unter dem Namen „Orion Versand“.

Der Erfolg gibt Beate Uhse Recht: Ihre Sexshops kommen an und der Umsatz steigt. (Foto: GeorgHH, Public domain, via Wikimedia Commons)

Der Erfolg gibt Beate Uhse Recht: Ihre Sexshops kommen an und der Umsatz steigt. (Foto: GeorgHH, Public domain, via Wikimedia Commons)

Die „Unternehmerin der Lust“ ist nicht zu stoppen

Zwei Jahre nach der Teilung wird bei Beate Magenkrebs diagnostiziert. Doch die Kämpfernatur besiegt diesen. Sie ist weiter fürs Business da, und nach Ablauf der vereinbarten Sperrfrist nimmt die Beate Uhse AG den Versand von Erotikartikeln 1986 wieder auf. 1989 erscheint ihre Autobiografie „Mit Lust und Liebe. Mein Leben.“ Der Fall der Mauer lässt ihr Geschäft auch in den neuen Bundesländern florieren. 1990 eröffnet der erste Sex-Shop in Ost-Berlin. Der Jahresumsatz steigt damit 115 Millionen D-Mark. Im Verlauf der 90er-Jahre expandiert Beate mit ihrem Konzern auch nach Österreich, Polen, Ungarn, in die Schweiz sowie nach Spanien und Portugal.

Beate erreicht Kult-Status

Im Jahr 1992 zieht sich Beate aus der Geschäftsführung zurück und ist fortan Vorsitzende des Aufsichtsrats. Ihr Sohn Ulrich wird neuer Vorstandsvorsitzender. Über die Jahre zum Kult geworden, eröffnet 1996 das „Beate Uhse Erotik-Museum“ in Berlin. Dort werden nicht nur ihre Leistungen im kommerziellen Bereich gewürdigt, sondern ebenso ihr Beitrag zur sexuellen Aufklärung in der deutschen Nachkriegszeit. 1999 geht die Beate Uhse AG an die Börse. Damit ist es das erste börsennotierte Erotikwarenunternehmen. Die Geschäfte werden durch Zukäufe weiter ausgeweitet, u.a. in England und Frankreich. Im gleichen Jahr wird Beate mit einer Eintragung in das Goldene Buch der Stadt Flensburg sowie einer öffentlichen Gedenktafel an ihrer früheren Wohnung geehrt. Und die Ehrungen gehen weiter. 2000 wird die ehemalige Frau Uhse in Cannes mit dem „Hot d`Or d`Honneur“ ausgezeichnet. Dies ist ein Preis der pornografischen Film-Industrie in Europa. Ein Jahr später nimmt der Pay-TV-Sender „Beate Uhse TV“ seinen Sendebetrieb auf.

Volksfest statt Trauerfeier

Im gleichen Jahr stirbt Beate Rotermund in einem Schweizer Krankenhaus unerwartet an den Folgen einer Lungenentzündung. Sie wird 81 Jahre alt. Wunsch ihrer letzten Verfügung: Volksfest statt der üblichen Trauerfeier. Bei Country-Musik und Buletten nehmen tausende Bürger Abschied von der erfolgreichen, deutschen Legende. Mit einer Summe von 500.000 D-Mark aus ihrem Erbe entsteht in Flensburg die Beate-Uhse-Stiftung. Sie zielt auf pragmatische Hilfe für Menschen in Not. Der zu ihrem Andenken eigens geschaffene Beate-Uhse-Unternehmerinnen-Preis wird 2002 erstmals verliehen. Er ist mit 10.000 Euro dotiert und zeichnet Frauen aus, die im Geschäftsleben Durchsetzungskraft, Mut, Geschäftssinn, Kreativität, Führungspersönlichkeit sowie Engagement bewiesen haben. Was sie nicht mehr miterlebt: Nach der fulminanten Entwicklung der Aktien folgt ein totaler Absturz. Die als völlig überzeichnet geltenden Wertpapiere können nicht lange über die gravierenden wirtschaftlichen Probleme im Innern hinwegtäuschen. Als mehrere Umschuldungen scheitern, wird 2017 die Insolvenz verkündet.

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